27.04.2021

Geschlechtergerechte Sprache, Teil 1: Warum oneword gendert – und andere das auch tun sollten

Unerheblich, wie kontrovers das Thema Gendern derzeit diskutiert wird und wie man/frau (oder „eins“) selbst dazu steht – es ist aus vielerlei Gründen aktuell und wichtig. Für uns als Sprachexpert:innen sogar gleich mehrfach. Sowohl als Dienstleister:innen für die Kommunikation unserer Kund:innen als auch für unsere eigene Kommunikation. Denn wir gendern selbst. Im ersten Teil unseres dreiteiligen Beitrags erläutern wir, weshalb wir das tun.

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Sprache als gesellschaftlicher Faktor

Sprache bildet Gesellschaft ab und prägt Gesellschaft. Schon im 19. Jahrhundert erklärte Wilhelm von Humboldt, dass sie die Grundlage aller Gedanken sei. Denn wir können nur denken, wofür wir auch Begriffe haben. 

Diese Erkenntnis ist wichtiger denn je. Denn mittlerweile hat sich ein Wandel vollzogen. Bereits in den 1990er Jahren wurde die „klassische“ Rollenteilung unpopulär, in der Frauen die Hausarbeit machen und sich um die Kinder kümmern, während Männer in bezahlten Berufen tätig sind. Der Duden hat das entsprechend angepasst, um die veränderte Realität widerzuspiegeln, und wendet sich vom generischen Maskulinum ab. In der Online-Ausgabe gibt es nicht mehr nur die männliche Form von Nomen, bei denen sich Mädchen und Frauen einfach mitgemeint fühlen sollen, sondern es wird differenzierter: Gleichberechtigt stehen dort jetzt etwa „Ärztin“ und „Arzt“.

Dass sich Bezeichnungen im offiziellen Sprachgebrauch verändern, verdeutlicht, dass sich auch gesellschaftlich etwas ändert. Vielleicht sogar, dass sich bereits etwas geändert hat und der offizielle Sprachgebrauch nun nachzieht. In sprachlich-gesellschaftlicher Entwicklung ist dies der übliche Verlauf. Auch wenn inzwischen eine neue Aufgeregtheit hinzugekommen ist, die sicher etwas damit zu tun, dass das Bundesverfassungsgericht erst vor wenigen Jahren mit „divers“ ein nicht-binäres drittes Geschlecht anerkannt hat. Die Entwicklung geht weiter.

Sprache als bewusstseinsbildender Faktor

Ob man (!) das generische Maskulinum verwendet oder lieber gendert, wird von vielen als individuelle Entscheidung dargestellt. Aus gesellschaftlich verantwortlicher Perspektive kann dies allerdings keine individuelle Entscheidung sein oder bleiben. Dafür gibt es zu viele Menschen, die sich nicht mitgemeint fühlen können und die unsichtbar gemacht werden oder bleiben – was exakt die Definition von Diskriminierung ist. Einerlei, ob dies bewusst oder unbewusst getan wird. Gerade weil viele Verhaltensweisen nur unbewusst an den Tag gelegt werden, aufgrund von Stereotypen, die mit der eigenen Sozialisation verinnerlicht wurden, ist dies ein notwendiger Ansatzpunkt für Veränderung.

In der bewussten Sprachverwendung verhält es sich ähnlich, wie dieses grundlegende Beispiel verdeutlicht: In der universitären Sprache sind viele Texte nach wie vor im generischen Maskulinum gehalten, was Frauen immer noch als Ausnahme erscheinen lässt. Sie werden nicht erwähnt und bleiben sowohl im wissenschaftlichen Kontext als auch in der Vorstellungskraft der Lesenden unsichtbar. Exemplarisch dafür sind auch jene Frauen, die wichtige Beiträge zur Mondlandung, Stammzellenforschung oder dergleichen lieferten und noch im 21. Jahrhundert eine Mediensensation darstellen. 

Deshalb genügt es nicht, Wissenschaftlerinnen und Forscherinnen in Texten oder alle Frauen in allen Bereichen einfach nur „mitzumeinen“. Unser gemeinsames Ziel muss sein, Menschen jedes Geschlechts gleichermaßen anzusprechen und Frauen grundsätzlich sprachlich sichtbar zu machen.

Gendern ist aus unserer Sicht ein bewusstseinsbildender Beitrag dazu, weil es erwiesenermaßen wirkt. Eine geschlechtergerechte Sprache ist weder umständlich noch unnötig lang, wenn die richtigen sprachlichen Strategien verfolgt werden. Natürlich bedarf es aber der Bereitschaft, sich von ein paar Formulierungsgewohnheiten zu verabschieden und mit der Sprache bewusst und kreativ umzugehen. Auch dies begeistert uns als Sprachexpert:innen immer wieder aufs Neue.

Wir wollen eine geschlechtergerechte Gesellschaft und wissen um die Wirkung der richtigen Sprache – deshalb gendern wir

Aus all den genannten Gründen gendert oneword künftig auch nach außen. In der schriftlichen Darstellung haben wir uns für die Schreibweise Doppelpunkt entschieden. Diese Entscheidung fiel aus drei Gründen:

#1 Der Doppelpunkt ist die inklusivste Form. Screenreader für Menschen mit Sehbehinderungen lesen ihn als kurze Sprechpause vor statt ihn einfach zu überlesen. Sie lesen auch kein Sonderzeichen, sondern machen eine Pause, die dem menschlichen Glottisschlag entspricht. Der Doppelpunkt erreicht also die größtmögliche Nähe zur gesprochenen, gegenderten Sprache.

#2 Der Doppelpunkt fügt sich in das Wort ein, ohne in eine Richtung besonders hervorzustechen und die Wortteile auffällig voneinander abzugrenzen. Dies entspricht unserer Wahrnehmung von gendergerechter Sprache, die sich in den Alltag integriert, statt als störend empfunden zu werden.

#3 Die alternativ verwendeten Schreibweisen nutzen Sternchen oder Unterstriche – und damit HTML-Zeichen, die als Start- und Endzeichen bestimmte Formatierungen (Fettdruck, Kursivschreibung) auslösen können und als Zeichen an sich verschwinden. 

In der gesprochenen Sprache verwenden wir den genannten Glottisschlag. Also eine kleine Pause, die bei der Aussprache eines einzelnen Worts eingelegt wird und dadurch, teils drastisch, dessen Bedeutung ändert. 

Diese kleine Pause ist schon seit jeher Teil unserer Sprache, und wir verwenden sie täglich. Zum Beispiel beim „um-armen“. Oder beim „Spiegelei“, um die „Spiegellei“ vom „Spiegel-Ei“ zu unterscheiden. Oder „ver-eisen“ von „verreisen“. Manchmal gibt es sogar zwei davon in einem Wort, wie in „be-in-halten“, das man dadurch vom „Bein halten“ unterscheiden kann. 

Exakt die gleiche kleine Pause legen wir auch bei „Mitarbeiter:innen“, „Kund:innen“ oder „Übersetzer:innen“ ein. Dies ist wichtig zu wissen, weil viele „sprachpflegende“ Menschen derzeit behaupten, dass gendergerechte Schreib- und Sprechweisen „künstlich“ seien, das Sprachgefühl stören oder gar unsere komplette deutsche Sprache zerstören würden. 

Bei Licht und im Angesicht des Glottisschlags betrachtet, ist das Argument falsch und vermutlich einfach vorgeschoben. Unsere abwechslungsreiche Sprache hat einfach ein Element mehr, mit dessen Hilfe wir uns präziser ausdrücken können.

Gendergerechte Sprache ist Teil des Ganzen

Wir wissen, dass wir mit dieser Position auch Kritik ernten. Weil es an die Art und Weise geht, wie wir sprechen. Hier ein Umdenken zu fordern, ist viel verlangt. Zudem darf die Debatte um die Sprache nicht überlagern, was auf gesellschaftlicher Ebene diskutiert werden muss: Aus sprachlicher Gleichstellung folgt nicht automatisch eine reale Gleichstellung, und die Gendern-Diskussion darf nicht zum Ersatz der Gender-Diskussion werden.

Zudem wird es weiterhin Menschen geben, die das Gendern einfach nervig finden. Ebenso wie Genus und Kasus, Wechselpräpositionen, Futur I und II, Genitiv statt Dativ und viele weitere Feinheiten, die unsere Sprache vergleichsweise kompliziert machen. Doch wer, wie wir, Sprache nicht nur als notwendige Artikulationsform betrachtet, sondern als wesentlichen Beitrag für eine zielführende Kommunikation und zwischenmenschliche Verständigung, kann sich einer geschlechtergerechten Sprache nicht verweigern. Auch wenn es anfangs ein bisschen Mühe bereiten sollte, sie zu verwenden. Sprache war nie ein starres Konstrukt, deshalb wird es sehr schnell einfacher werden.

Es hilft, einfach weiterzulesen. Als nächstes zum Beispiel Teil 2 dieses Beitrags: Wie andere Sprachen gendern – und was das für Übersetzungen bedeutet.

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