Medizinische Übersetzung

16.09.2022

„Gesundheit ist schließlich das höchste Gut“: Worauf es in der medizinischen Übersetzung ankommt

Das Healthcare Marketing Interview mit oneword Geschäftsführerin und Sprachexpertin Andrea Modersohn in voller Länge.

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In der Juli-Ausgabe des Fachmagazins Healthcare Marketing ist der Artikel „Medical Translation: Grenzenlos kommunizieren“ erschienen, der sich mit den hohen Ansprüchen der professionellen und sicheren Übersetzung im internationalen medizinisch-pharmazeutischen Bereich beschäftigt. Teil des Artikels war ein Interview mit oneword Geschäftsführerin Andrea Modersohn, das im Magazin zusammengefasst wurde, in voller Länge allerdings weitere Insights bietet. Darum stellen wir Ihnen hier die komplette Version zur Verfügung.

Healthcare Marketing: Sprache ist unverzichtbar – wer Menschen erreichen will, muss ihre Sprache sprechen. Welche Rolle spielen medizinische Übersetzungen im Healthcare Marketing?

Andrea Modersohn: Informationen, Produkte oder Dienstleistungen rund um das Thema Gesundheit sind Vertrauenssache, denn Unsicherheit und Sorgen sind bei Kund:innen und Patient:innen groß. Gesundheit ist schließlich das höchste Gut. Die eigene Muttersprache ist dabei ein wichtiger Baustein, die notwendige Sicherheit zu schaffen, die sich Kund:innen in diesem Bereich wünschen. Sie fühlen sich dadurch angesprochen und verstehen die Inhalte leichter und vollständig. Im B2B-Bereich zeugt die jeweilige Verwendung der Landessprache von einer Kommunikation auf Augenhöhe und trägt zum professionellen und seriösen Auftreten bei. Wer am internationalen Markt daher mit seinen Produkten und Dienstleistungen nicht nur präsent, sondern auch erfolgreich sein will, kann auf professionelle Übersetzungen nicht verzichten.

Neben der Reichweite und dem Vertrauen, das Medizin- und Gesundheitsprodukte durch sprachlich ansprechende und fachliche korrekte Übersetzungen genießen, beeinflussen sie auch maßgeblich die Kaufentscheidung, denn mehr als 60 Prozent aller Kund:innen kaufen nur dann Produkte oder Dienstleistungen und greifen auf Informationen zu, wenn diese in ihrer eigenen Muttersprache verfügbar sind.

Was wird derzeit am meisten nachgefragt?

Die Bandbreite an Marketingübersetzungen im Healthcare-Bereich ist vielfältig, denn Anbieter:innen sind dort präsent, wo ihre Zielgruppen sind – und diese sind über alle Altersgruppen und Lebensumstände hinweg sehr divers verteilt. Vor diesem Hintergrund kommt der immer kürzere Lebenszyklus von Marketingtexten dazu, vor allem in schnelllebigen Medien wie Social-Media-Kanälen und Healthcare-Apps, die kontinuierlich neue Texte generieren, die unverzüglich in diversen Sprachen verfügbar sein müssen.

Den Großteil machen zwar auch heute nach wie vor klassische, auf Käufer:innen und Zielland ausgerichtete Marketingübersetzungen via Website, Katalog oder Produktbroschüren aus. Doch inzwischen nehmen Anfragen gerade im Bereich des internationalen SEO, App-Lokalisierung, Transkreation, Untertitelung und vor allem der maschinellen Übersetzung mit anschließender Korrektur durch professionelle Posteditor:innen, kurz MTPE, stetig zu. Gerade MTPE erlaubt bei gleichbleibender Qualität, ständig größer werdende Textvolumen in kürzerer Zeit und zu geringeren Kosten übersetzen zu lassen.

Gerade im Marketing hat zudem der Review-Prozess mit Niederlassungen in den Zielmärkten oder Muttersprachler:innen im Unternehmen eine große Bedeutung. Hier werden Lösungen nachgefragt, die die Übersetzung direkt im Layout zeigen, aber nahtlos in den Prozess eingebunden sind, um Korrekturen nachhaltig und konsistent zu machen.

Der Content muss den gesetzlichen und regulatorischen Entwicklungen in verschiedenen Märkten, veränderten Erwartungen und stetiger Innovation Rechnung tragen. Wo sehen Sie die größten Chancen und Herausforderungen im Bereich Medical Translation?

Medizinische Übersetzungen bewegen sich in einem Spannungsdreieck, das eine besonders interessante Grundlage für Innovationen schafft. Auf der einen Seite sind sie, auch im Marketingbereich, durch ihre sehr hohen Qualitätsansprüche geprägt, die sich aus der Erwartungshaltung ergeben, Verbraucher:innen fachlich korrekt und sicher zu informieren und gleichzeitig Haftungsrisiken für etwaige Übersetzungsfehler auszuschließen. Auf der anderen Seite sorgen immer kürzere Content-Lebenszeiten und sogenannte Deltaanpassungen – also Kleinstübersetzungen von minimalen Textanpassungen, etwa in Softwareoberflächen oder Bedienungsanleitungen – für zeitliche Herausforderungen bei multilingualen Übersetzungen. Die Spitze des Dreiecks bildet der Kostenfaktor, der den Balanceakt zwischen der Erfüllung dieser hohen Qualitätsstandards und den schnellen Durchlaufzeiten für Übersetzungen schaffen muss.

Medizinische Übersetzung - Spannungsdreieck; Dreieck mit der Beschriftung Kosten, Qualität und Zeit

Spannungsdreieck in der medizinischen Fachübersetzung (Quelle: oneword GmbH)

Im Wettbewerb die Nase vorn haben vor allem Unternehmen, die auf konsequente Digitalisierung bzw. Automatisierung und ein schlankes Übersetzungsmanagement setzen, ohne dabei auf wesentliche Qualitätsfaktoren zu verzichten, wie zum Beispiel die Zusammenarbeit mit qualifizierten und spezialisierten Fachübersetzer:innen bzw. nach ISO 17100 oder ISO 18587 zertifizierten Sprachdienstleistern. Wichtig ist außerdem ein durchdachtes Terminologiemanagement für eine einheitliche Corporate Language, um gesetzlichen und regulatorischen Vorgaben über alle Texte und Sprachen hinweg gerecht zu werden.

Was bedeutet das für die Kosten, die für Unternehmen ein wesentlicher Faktor sind?

Auch wenn die Qualität im Vordergrund steht, müssen Kosten- und auch Zeitaufwände natürlich überschaubar bleiben. Die maschinelle Übersetzung im Zusammenspiel mit professionellem Posteditieren, kurz MTPE, bietet in diesem Zusammenhang die Chance, gleichzeitig bei Kosten und Zeit anzusetzen, ohne Abstriche bei der Qualität machen zu müssen. ISO-18587-zertifizierte Dienstleister bieten dafür einen auf die entsprechende Textsorte abgestimmten Prozessstandard. Dieser umfasst zum Beispiel eine qualifizierte Machbarkeitsanalyse, die klare Definition von Qualitätszielen und ein effizientes Feedbackmanagement für trainierte und generische Engines.

Ist maschinelle Übersetzung demnach die Patentlösung?

Nicht generell – oder vielmehr: nur unter den richtigen Voraussetzungen. Es gibt weder für die klassische Humanübersetzung noch für MTPE im Bereich der Medical Translation eine Patentlösung. Ein innovatives Übersetzungsmanagement ist genauso vielfältig wie die jeweiligen Unternehmensprozesse und -voraussetzungen. In enger Zusammenarbeit mit einem professionellen Dienstleister, lassen sich individuell zugeschnittene Prozesse definieren, die den Anforderungen gerecht werden können. Individuelle Patentlösungen, quasi.

Stichwort Transkreation: Was gilt es zu beachten, wenn es darum geht, Healthcare-Kampagnen mithilfe kultureller Erkenntnisse gezielt für neue Märkte weiterzuentwickeln?

An oberster Stelle steht die Auswahl der richtigen Sprachexpert:innen. Klassische Marketingübersetzungen für Medizin und Medizintechnik sollten von muttersprachlichen Fachübersetzer:innen angefertigt werden, die nicht nur im entsprechenden Healthcare-Bereich spezialisiert sind, sondern auch über das notwendige Marketing-Know-how verfügen, um den richtigen Ton zu treffen und die Kund:innen im Zielmarkt gekonnt und stilsicher anzusprechen. Sinnvolle Mindestanforderung an diese Fachübersetzer:innen bietet die ISO 17100, die internationale Norm für Übersetzungsdienstleistungen.

Transkreation geht aber noch einen Schritt weiter …

In der Tat, ja. Wo die klassische Marketingübersetzung bereits sprachliche und kulturelle Anpassungen im Zieltext vornimmt, löst sich die Transkreation bewusst vom Ausgangstext. Das Ziel ist nicht die bloße Übertragung des Originals, sondern eine inspirierte Neukreation, die Intention, Tonalität, Humor und auch Emotionen der Werbe- und Markenbotschaft in eigenen Worten herausstellt.

Eine gute Transkreation erfordert neben spezialisierten Transkreationsexpert:innen mit dem entsprechenden medizinischen Fachwissen auch ein ausführliches Briefing, in dem die Ziele und Erwartungen der Kampagne klar formuliert werden.
Je mehr Hintergrundinformationen zum Unternehmen, dem Produkt, der Markenidentität, aber auch zu Zielgruppe, Intention und Tonalität das Briefing anbietet, desto besser können die Kreativübersetzer:innen die gewünschte Botschaft übertragen.

Welche Bedeutung hat die Digitalisierung in der Übersetzung? Und warum braucht es dennoch Fachpersonal, wenn auch eine Software die Arbeit erledigen könnte?

Auch in der Übersetzungsbranche erlauben es Softwarelösungen mittlerweile, viele administrative Schritte zu automatisieren, von der Beauftragung über die Projektanlage bis zur Lieferung und Rechnungsstellung. Dennoch verlangt es nach qualifizierten Fachkräften, die nahtlos dort ansetzen, wo Software und künstliche Intelligenz an ihre Grenzen stoßen und damit weitaus effizienter, flexibler und somit kostensparender auf veränderte Bedingungen reagieren können.

Künstliche Intelligenz, zum Beispiel in Form von maschinellen Übersetzungssystemen, ist auch im medizinischen und medizintechnischen Bereich immer stärker vertreten, denn sie schafft einen weitreichenden Produktivitätsgewinn und Kosteneinsparungen – Stichwort: Übersetzungen auf Knopfdruck.

Doch auch hier sind Künstliche Intelligenz und maschinelle Übersetzung keine Patentlösung?

Genau. Denn bislang liefert noch keine Maschine fehlerfreie Übersetzungen. Unsere Devise lautet daher: Mit KI und Verstand. Genau dafür braucht es qualifizierte Expert:innen, egal ob im Projektmanagement, in der Übersetzung, dem Posteditieren oder der Qualitätskontrolle, die Problemstellungen und Fehlerquellen kennen, um sie erfolgreich zu lösen.

Auch bei Marketingtexten erreichen Maschinen je nach Zielsprache bereits sehr gute Ergebnisse und liefern eine erste „Rohfassung“, die dann von professionellen Posteditor:innen fachlich, inhaltlich und sprachlich geprüft und korrigiert wird. Gerade in haftungsrelevanten Bereichen wie Medizinübersetzungen ist ein solches Nachbearbeiten, das sogenannte Posteditieren nach der ISO 18587 unverzichtbar.

Warum?

Kurz gesagt: Egal aus welcher Quelle ein Text stammt, ob menschlich oder künstlich erzeugt: wir werden immer das Bedürfnis haben, „drüberzulesen”, das Ergebnis zu kontrollieren, Qualität sicherzustellen. Denn wie „fit” der menschliche oder künstliche Autor ist, kann erst am Ergebnis abgelesen werden. Fehler entstehen überall. Der Mensch denkt anders als die Maschine. Und die Maschine hat dafür ihre eigenen Stärken.

Denn: Auch wenn sich maschinelle Übersetzungen augenscheinlich flüssig lesen, steckt der Teufel immer wieder im Detail. Von Auslassungen oder willkürlichen Ergänzungen über falsche Fachtermini bis zu inhaltlichen Fehlern und sogar Diskriminierungen ist die Bandbreite der Fehlerquellen groß. Und je besser die Maschinen übersetzen, desto subtiler werden diese Fehler. Posteditieren ist daher eine kognitiv höchst anspruchsvolle Aufgabe, auch wenn sich viele Nutzer:innen von maschineller Übersetzung eigentlich zutrauen würden, den MT-Output nochmal „eben glattzuziehen”. In unseren MTPE-Projekten werden noch zwischen 33 und 66 Prozent des MT-Ergebnisses sprachlich überarbeitet. Die Anpassungen sind zwar manchmal wirklich minimal, aber ein ausgelassenes „nicht” kann eben auch gravierende Folgen haben.

Wie sehen Sie den Wettbewerb und die Marktentwicklung der Übersetzungsbranche für die Zukunft?

Die Internationale Kommunikation nimmt schon seit Jahrzehnten stetig zu. Sie ist schneller, vielfältiger und vernetzter. Unternehmen setzen mehr denn je auf individuelle Lösungen, denn Sprache schafft im Marketing einen Wiedererkennungswert. Der Umfang an Content, die Anzahl an zielmarktrelevanten Sprachen und damit auch das Volumen an Übersetzungen ist derart angestiegen, dass menschliche Fachkräfte – Übersetzer:innen wie Posteditor:innen – an Grenzen stoßen. Der Einsatz von unterstützender KI und produktivitätsgewinnender Technologie, also beispielsweise maschinelle Übersetzungssysteme in Kombination mit automatisierten, schlanken und agilen Übersetzungsprozessen, ist daher unumgänglich. Nur so kann bei wachsendem Bedarf weiterhin gleichbleibend hohe Qualität zu bezahlbaren Kosten gewährleistet werden.

Leistungsträger in der Übersetzungsbranche müssen ein großes Portfolio gepaart mit einem tiefgehenden technischen Know-how mitbringen, um sich flexibel auf die individuellen Anforderungen einstellen zu können. Unkomplizierte Abläufe bei der Beauftragung, der Kontrolle und im Review sind eigentlich schon Standard: datensichere Software- und Cloud-Lösungen ermöglichen Unternehmen den zeit- und ortsunabhängigen Zugriff auf ihre Projekte, Übersetzungen sowie die zentrale Terminologieverwaltung. Sprachdienstleister fügen sich damit nahtlos in Unternehmensprozesse ein und können als verlängerte Werkbank agieren.

Und die Perspektive? Wer wird das Rennen machen?

Diese hohen fachlichen und technischen Ansprüche führen zu zwei parallel verlaufenden Entwicklungen unter den Anbietern von Übersetzungs- und Sprachdienstleistungen. Auf der einen Seite zeigt sich der Trend von Unternehmenszusammenschlüsse, die mitunter in „Superagenturen“ gipfeln, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Auf der anderen Seite bilden sich hochspezialisierte Anbieter, manchmal auch als „Boutiquen” bezeichnet, mit maximaler Kundennähe heraus.

In den nächsten zehn Jahren werden nach unserer Einschätzung Prozess- und Softwareinnovationen im Übersetzungsbereich sowie weitreichende Spezialisierungsgrade den Wettbewerb maßgeblich bestimmen. Zertifizierungen nach ISO 17100 und ISO 18587 sind heute im Übersetzungsbereich nicht mehr wegzudenken, reichen als Alleinstellungsmerkmal und einziges Qualitätsversprechen aber längst nicht mehr aus.

Vielen Dank für das Gespräch.

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