10.04.2024

Quality Time mit Congree Language Technologies: übersetzungsgerecht schreiben mit linguistischer und künstlicher Intelligenz

Es ist wieder Quality Time. In einer neuen Episode unserer Expertengespräche hat sich Eva-Maria Tillmann, Leitung Qualitätsmanagement bei oneword, mit Ursula Reuther, Chief Linguistic Consultant bei Congree Language Technologies, unterhalten. Ein aufschlussreiches Gespräch über den Einfluss von Praxiserfahrungen auf die Normung und die hilfreichen Effekte von Normen für die Schreib- und Übersetzungspraxis, über Konformität mit klaren Regeln als entscheidenden Faktor verständlicher und übersetzungsgerechter Texte – und warum KI zwar mitarbeiten soll, aber nicht alles allein machen darf.

Congree Language Technologies und oneword haben gleich mehrere Berührungspunkte. Als Softwarehersteller im Bereich Autorenunterstützung liefert Congree einige der führenden Technologien zur Formulierung konsistenter Texte samt definierter Stilregeln und einheitlicher Terminologie – allesamt Themen, die auch bei oneword im Fokus stehen. Außerdem sind beide Unternehmen DIN-Mitglied. Congree wird dort durch Ursula Reuther vertreten. Die Sprach- und Übersetzungswissenschaftlerin ist seit 1986 im Bereich Maschinelle Sprachverarbeitung und Sprachtechnologie in der Entwicklung und Projektbetreuung tätig. Für oneword ist Eva-Maria Tillmann, Leitung Qualitätsmanagement, in den Gremien aktiv.

Quality Time Congree: Eva-Maria Tillmann und Ursula Reuther

Eva-Maria Tillmann (oneword GmbH) und Ursula Reuther (Congree Language Technologies GmbH)

Eva-Maria Tillmann (EMT): Toll, dass wir mal Zeit finden, uns zu unterhalten, liebe Ursula. Schließlich kennen und schätzen wir uns jetzt schon vier Jahre durch die gemeinsame Arbeitsgruppe zum übersetzungsgerechten Schreiben beim DIN, die DIN 8579 hervorgebracht hat. Ich freue mich nicht nur selbst auf das Gespräch, sondern denke, dass es auch für viele unserer Kund:innen interessant ist, zu sehen, wie ihr als Tool-Hersteller mit dem Thema umgeht. Wie kamst du überhaupt zur Mitarbeit an dieser Norm?

Ursula Reuther (UR): Tatsächlich ist Congree nicht ganz unschuldig, dass es diese Norm überhaupt gibt. Die Idee dafür kam bei der tekom Frühjahrstagung 2019 im Gespräch mit einem großen Übersetzungsdienstleister auf. Der Konsens war, dass es prima wäre, eine Norm für übersetzungsgerechtes Schreiben zu haben. Für die Übersetzungsbewertung gibt es diverse Normen und Metriken. Aber um den Ausgangstext zu bewerten, gab es bislang noch nichts.
Wir hatten allerdings keine Erfahrung, wie man die Entwicklung einer Norm überhaupt angeht. Also haben wir uns Mitstreiter gesucht – Personen, die schon Normungserfahrung hatten und unseren Vorschlag auch bei DIN eingereicht haben. Dort fand man ihn auch gut. So ist dieser Arbeitsausschuss entstanden, bei dem ich dann Mitglied geworden bin.

EMT: Ja, ich erinnere mich. Bei DIN hatte das dann Professor Dr. Christoph Rösener initiiert, der mit mir zusammen auch Projektleiter beim internationalen Normungsprojekt ist. Er hat das Normungsprojekt damals vorgeschlagen und ich kam als Expertin dazu, weil unser Gremium gefragt wurde, ob wir zusammen mit den Technischen Redakteur:innen daran mitarbeiten möchten. Das war eine spannende Zeit. Wir haben sehr intensiv an dem Text mitgearbeitet, jede:r hatte eigene Kapitel. Ich war beim Thema Formatierung dabei. Und du?

UR: Mein Teil waren eher die sprachlich orientierten Themen wie Terminologie, grammatische und stilistische Aspekte sowie mögliche Schreibweisen.

EMT: Was konntest du denn aus deiner Berufserfahrung bzw. mit deinem Hintergrund bei Congree und der Softwareentwicklung ganz besonders in die Norm mit einbringen?

UR: Mit dem Thema verständliches Schreiben befasse ich mich schon mehr als 20 Jahre, also auch schon bevor es Congree gab. Damals noch am IAI, dem Institut für angewandte Informationsforschung an der Universität des Saarlandes, das dann mit Congree verschmolzen ist. Dort haben wir schon Forschungsprojekte zu dem Thema durchgeführt, deren Ergebnisse dann auch in unsere Produkte eingeflossen sind. Und das verständliche Schreiben zieht sich durch die ganze Historie. Da habe ich mich sowohl mit den theoretischen Aspekten als auch konkret mit der Implementierung von Regeln von Software befasst, um verständliches Schreiben zu überprüfen.

Und in Bezug auf die Norm: Verständliches Schreiben hat sehr viele Berührungspunkte mit übersetzungsgerechtem Schreiben. Ich konnte daher einiges einbringen, was wir schon an Regeln entwickelt hatten – aber auch viel Kundenfeedback. Die Regeln, die wir implementiert haben, sind oft in der direkten Interaktion mit Kund:innen oder aufgrund ihres Feedbacks entstanden. Bestimmte Regeln sorgen nicht nur für Verständlichkeit, sondern ebenso für adäquate Übersetzungen. Und wenn es besonders viele Rückfragen von Übersetzer:innen gab, dann wollten die Kund:innen meist wissen, was sie am Text besser machen können, damit die Prozesse flüssiger laufen. All diese Dinge konnte ich mit einbringen.

EMT: Das geht uns natürlich ähnlich. Wir merken auch, dass es in der Übersetzung oft Probleme gibt, die mit dem Ausgangstext, den Schreibweisen, den Inkonsistenzen oder mit der Formatierung zu tun haben. Da geben wir unseren Kund:innen natürlich auch regelmäßig Feedback. Oder wir müssen Zusatzaufwände abrechnen, wenn wir die Texte optimieren und das wollen wir auch im Sinne unserer Kund:innen vermeiden. Eben deshalb haben wir und auch unsere Übersetzer:innen großes Interesse daran, dass die ausgangssprachlichen Inhalte optimiert werden und übersetzungsgerecht sind.

Wenn du sagst, dass ihr das im Prinzip schon immer gemacht habt und Congree eine Software ist, die Ausgangstexte schon lange überprüfen kann: Was war euer besonderes Interesse daran, dass es eine Norm dazu gibt?

UR: Ein Großteil der Regeln war tatsächlich schon im Produkt enthalten. Was wir allerdings durch die Norm noch hinzugefügt haben, ist, dass wir genau diese Regeln, die wir in der Norm beschrieben haben oder deren Einhaltung wir empfehlen, nun gebündelt haben. Wir haben ein eigenes Pre-Set hinzugefügt, also ein vordefiniertes Regelset, das genau die Regeln beinhaltet, die für übersetzungsgerechtes Schreiben relevant sind. Und das haben die Kund:innen sehr gut angenommen.

EMT: Das heißt, die Kund:innen können, je nachdem, ob die Texte überhaupt übersetzt werden, ein zusätzliches Pre-Set aktivieren?

UR: Genau. Entweder sie stellen sich ihre Regeln selbst zusammen oder es gibt unterschiedliche vordefinierte Regelsätze. Es gibt zum Beispiel auch einen Regelsatz zur tekom-Leitlinie oder eine Best-Practice-Konfiguration für Anfänger – und jetzt halt auch einen für die Norm zum übersetzungsgerechten Schreiben.

EMT: Ihr konntet also schon viele eurer Assets in die Norm mit einbringen. Hat die Norm denn im Gegenzug auch bei euch noch ein paar Punkte ergänzt, die ihr bis dahin nicht drin hattet?

UR: Ja, hat sie. Das war eine Win-win-Situation für uns.

EMT: Kannst du einmal grundsätzlich erklären, wie so eine Autorenunterstützung bei Congree oder auch der Konformitätscheck aussehen, wenn Kund:innen dieses Pre-Set zum übersetzungsgerechten Schreiben aktiviert haben?

UR: Die Vorgehensweise ist die gleiche, unabhängig davon, ob sie dieses Regelpaket in Anspruch nehmen oder ein anderes. Die Software integriert sich in verschiedene Editoren – je nachdem, was bei den Kund:innen im Einsatz ist. Egal ob Word oder Redaktionssysteme mit komplexen Dokumentstrukturen. Da integriert sich die Sprachprüfung und beim Schreiben werden den Anwender:innen dann Regelverstöße angezeigt. Das kann entweder direkt beim Schreiben passieren oder aber man kann erst ein Kapitel oder einen Absatz schreiben und dann prüfen. Bei der Sprachprüfung wird dann sowohl auf Rechtschreibung und Grammatik als auch auf die Einhaltung der Unternehmensterminologie geprüft. Und dann gibt es noch die Stilprüfung. Wenn Mehrdeutigkeiten oder komplexe Satzstrukturen vorliegen, die schwer zu verstehen sind, werden diese den Redakteur:innen angezeigt. Sie werden darauf hingewiesen, welche Sätze im Hinblick auf die Übersetzung problematisch sind, und können entsprechend eingreifen.

EMT: Das ist spannend, denn es erinnert mich sehr an Übersetzungstechnologie und die Prüfungen, die es für zielsprachliche Texte gibt. Gibt es denn Inhalte aus der Norm, die sich aus deiner Sicht aktuell vielleicht noch schwer abbilden oder überprüfen lassen?

UR: Ja. Wir haben als letztes Kapitel der Norm zum Beispiel eine Matrix, in der auch dokumentiert ist, welche Regeln von der Autorenunterstützung tatsächlich schon maschinell geprüft werden können. In einigen Fällen steht da noch ein „Nein“ in der Spalte. Das sind zum Beispiel Kulturspezifika, die rein mit den linguistischen Methoden noch nicht abgedeckt werden können.

Auch hier holt uns das Thema KI natürlich immer mehr ein, und wir haben jetzt eine KI in unsere Software integriert, die wir nutzen, um Anwender:innen Umformulierungsvorschläge für die Fälle zu machen, in denen wir mit den linguistischen Methoden allein nicht weiterkommen.

EMT: Das heißt, wenn eine Nichtkonformität erkannt wird, bekommen Redakteur:innen, die darauf hingewiesen werden, gleich auch einen passenden Vorschlag von der KI, wie das anhand einer bestimmten Regel, die offenbar nicht eingehalten wurde, dann ausgebessert werden könnte?

UR: Genau. Und diesen Vorschlag kann man dann einfach per Klick übernehmen.

EMT: Also im Grunde wie bei unserem Einsatz von KI: Es geht einiges ohne den Menschen, aber eben nicht komplett.

UR: Das stimmt. Es gilt immer das Prinzip, dass nichts automatisch ersetzt wird, sondern letztendlich wirklich der Mensch entscheidet, ob diese Verbesserung vorgenommen wird oder nicht. Das war von Anfang an das oberste Prinzip.
Die linguistische Prüfung kann auch Korrekturvorschläge für weniger komplexe Umformulierungen liefern, die man dann übernehmen kann. Aber wenn man zum Beispiel einen Satz vom Passiv ins Aktiv formulieren soll und die Satzteile schon ein bisschen hin- und herschieben muss, funktioniert das mithilfe der KI doch etwas einfacher.

EMT: Nun arbeiten wir aktuell auch zusammen an der kommenden ISO 18968, der internationalen Norm für übersetzungsgerechtes Schreiben. Da sind wir beide in der Task Force für die Beispiele, von denen es in der deutschen Norm viele gibt und die wir natürlich stark überarbeiten müssen, nicht nur weil die Ausgangssprache in der englischen Norm eine ganz andere ist. Wir haben schon viel angepasst, viel optimiert und haben trotzdem noch viel Arbeit vor uns, weil eine Norm, die komplett für die deutsche Sprache geschrieben wurde – DIN 8579 –, internationalisiert und künftig für möglichst viele Sprachen anwendbar werden soll.

Was denkst du, sind wir auf einem guten Weg? Hast du aus eurer Praxis noch Ideen, die wir da noch mit einfließen lassen können?

UR: Es ist auf jeden Fall die größte Herausforderung, das Ganze so zu formen, dass es sprachunabhängig ist, weil die deutsche Norm, wie du sagst, wirklich auf die deutsche Sprache bezogen ist. Und wir merken jetzt bei den Beispielen, dass sehr viele sprachspezifische Dinge nicht für alle Sprachen gelten. Aber ich denke, wir kommen voran und sind definitiv auf dem richtigen Weg – und ich bin sehr gespannt auf das erste Feedback zur Arbeit unserer Task Force aus den vielen Mitgliedsländern.

EMT: Das sehe ich genauso. Und ich freue mich auf das, was noch vor uns liegt, weil es wirklich Spaß macht, mit dieser tollen internationalen Expertenrunde an der Norm zu arbeiten.

Jetzt aber erstmal vielen Dank für das tolle Gespräch und bis bald, liebe Ursula.

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